Titel
Uwe Walter
Memoria und res publica
Zur Geschichtskultur im republikanischen Rom
Im republikanischen Rom war „Geschichte“ in hohem Maß präsent, ja in einem umfassenden Sinne allgegenwärtig. Die Nobilität definierte sich wie kaum eine andere politische Klasse über und durch die (Erfolgs-) Geschichte der res publica, die sie als ihre eigene Geschichte - ebenso kollektiv wie als akkumulierte Leistung der einzelnen Familien - begriff und gestaltete, öffentlich darstellte und dabei zugleich im Sinne sich wandelnder Sinnstiftungs- und Orientierungsbedürfnisse aktualisierte. Aber auch die stadtrömische plebs hatte ihre Orte und Geschichten, ihre Helden und warnenden Beispiele.
Was aber wurde in dieser Gesellschaft eigentlich erinnert, welche „großen Gestalten“, Errungenschaften oder einschneidenden Ereignisse, welche glanzvollen Siege oder traumatischen Niederlagen? Und vor allem: Wie erinnerte man sich? Und welche aktuellen Bedürfnisse, etwa nach sinnvoller Deutung der Lebenswelt, nach Selbstvergewisserung und Orientierung in der eigenen Gegenwart wurden so befriedigt - zumal in der politisch-gesellschaftlichen Situation der späten Republik, die als krisenhafter Verlust hergebrachter Stärke, Sicherheit und Verbindlichkeit wahrgenommen wurde?
Die Studie bietet eine integrierte Analyse sowohl der Geschichtskultur, also der Medien, Formen und Verfahren der Bewahrung und Ausgestaltung des historischen „Wissens“, als auch ausgewählter Inhalte des geschichtlichen Gedächtnisses, das einen ganz wesentlichen Teil des „kulturellen Gedächtnisses“ darstellte. Eine dritte Ebene der Analyse betrifft die verschiedenen Grundmuster des Vergangenheitsbezugs: das Denken in exempla, das genealogische Modell, den Peripetiediskurs und die Dekadenzresignation sowie die kontrafaktische Geschichtsbetrachtung. Besondere Aufmerksamkeit findet die Entstehung, Entwicklung und Ausdifferenzierung der genuin römisch-republikanischen Formen der literarischen Rekonstruktion der eigenen Geschichte. Dabei werden die immer wieder aktualisierbaren „Geschichten“ (exempla maiorum) als integrale Bestandteile einer besonderen Erinnerungskultur aufgefaßt, die gleichzeitig die gesamte Geschichte der res publica als Kontinuum zu konstruieren vermochte. Demgegenüber sind das historische Epos (Naevius, Ennius) und vor allem die vorlivianische Geschichtsschreibung seit Fabius Pictor bisher in der Debatte über die memoria im republikanischen Rom eher am Rande behandelt worden - ja, ihre Bedeutung als eine Praktik der erinnernden Wissensproduktion und -reproduktion wurde zuweilen sogar grundsätzlich in Frage gestellt. Generell, vor allem aber bei der Geschichtsschreibung wird ferner die untrennbare Verzahnung der Medien mit den transportierten oder repräsentierten Inhalten deutlich. Das Konzept der „intentionalen Geschichte“ erfährt dadurch eine spürbare Modifikation: Zwischen dem Willen und den Interessen der handelnden und erinnernder Subjekte einerseits und den Möglichkeiten und Kanalisierungen ihres Erinnerns andererseits gab es zahlreiche Rückkoppelungen.
Ein knapper Ausblick auf die augusteische Zeit beschließt die Darstellung und gibt zugleich einen Ausblick auf den Wandel der Geschichtskultur im Zuge der augusteischen „kulturellen Revolution“.
Sept. 2004, Lieferbar
€ 49,90 [D], 480 Seiten
Gebunden, mit Fadenheftung
ISBN: 978-3-938032-00-8
Studien zur Alten Geschichte, Bd. 1
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Studien zur Alten Geschichte

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